KI-FOMO: Warum uns eine neue Technologie so unter Druck setzen kann

KI ist gerade überall. Und viele Menschen erleben dabei zwei Gefühle gleichzeitig: Neugier und Druck.

ChatGPT, Gemini, Claude, Copilot…

Fast täglich erscheinen neue KI-Tools. LinkedIn ist voller Erfolgsgeschichten, Podcasts erklären die neuesten Entwicklungen und Kolleg*innen berichten von ihren KI-Workflows. Kaum hat man sich mit einer Anwendung beschäftigt, scheint schon die nächste unverzichtbar zu sein.

Da kann schnell ein Gedanke entstehen:

Bin ich eigentlich schon zu spät dran?

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Du findest KI spannend und möchtest die Möglichkeiten nutzen. Gleichzeitig fragst du dich, ob du genug darüber weißt, ob andere schon viel weiter sind oder ob du etwas Wichtiges verpasst.

Falls ja, möchten wir dich zunächst einmal entlasten. Du bist damit nicht allein und noch wichtiger: Dieses Gefühl sagt nichts darüber aus, wie kompetent du tatsächlich bist.

Warum KI-FOMO gar nicht so neu ist

Für das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen, gibt es sogar einen wissenschaftlichen Begriff: Fear of Missing Out (FOMO).

Bereits 2013 beschrieben Forschende FOMO als die Sorge, dass andere gerade wertvolle Erfahrungen machen könnten, an denen man selbst nicht teilhat. Interessant ist dabei: FOMO entsteht nicht einfach durch neue Technologien. Vielmehr wird das Gefühl dann stärker, wenn psychologische Grundbedürfnisse wie Zugehörigkeit, Autonomie oder das Erleben von Kompetenz unter Druck geraten.

Vielleicht erklärt das auch, warum KI bei vielen Menschen so unterschiedliche Gefühle auslöst. Sie eröffnet spannende Möglichkeiten – kann aber gleichzeitig das Gefühl vermitteln, den Anschluss zu verlieren oder nicht genug zu wissen.

KI-FOMO wäre damit weniger ein völlig neues Phänomen als eine moderne Variante einer bekannten menschlichen Erfahrung.

Seit einigen Jahren beschäftigen wir uns intensiv mit digitalem Stress. Dabei fällt uns eine spannende Entwicklung auf: Die Stressoren verändern sich.

Als wir mit unseren Workshops gestartet sind, waren Informationsflut und ständige Erreichbarkeit häufig die größten Belastungen. Irgendwann rückten Unterbrechungen und Multitasking stärker in den Fokus. Heute begegnet uns immer häufiger ein neues Phänomen: KI-FOMO.

Das überrascht uns eigentlich nicht.

Neue Technologien bringen immer auch neue Herausforderungen mit sich.

Auf unserem Blog haben wir bereits darüber geschrieben, wie KI unsere Entscheidungen erschweren kann und warum unser Gehirn häufig unter den vielen Unterbrechungen des digitalen Alltags leidet. Beide Themen zeigen: Nicht jede digitale Entwicklung ist automatisch belastend. Entscheidend ist, wie wir mit ihr umgehen.

KI-FOMO ist deshalb weniger ein KI-Problem als eine weitere Facette digitalen Stresses.

Die Angst hat gute Gründe – und das ist völlig normal

An dieser Stelle könnten wir sagen: Keine Sorge, alles halb so wild. Aber das wäre wahrscheinlich zu einfach, denn die Sorge hat durchaus nachvollziehbare Ursachen. KI entwickelt sich in einem beeindruckenden Tempo und Berufe verändern sich. Neue Arbeitsweisen entstehen und in vielen Bereichen wird KI-Kompetenz immer wichtiger.

Es wäre also seltsam, wenn uns diese Entwicklung völlig kaltlassen würde. Gleichzeitig aktiviert sie etwas zutiefst Menschliches: der Wunsch, kompetent zu sein, dazuzugehören und den Anschluss nicht zu verlieren.

Gleichzeitig passiert noch etwas anderes. Wir sehen ständig, was andere bereits mit KI machen.

Menschen präsentieren ihre automatisierten Workflows, ihre Zeitersparnisse und ihre kreativen Projekte. In den sozialen Medien entsteht schnell der Eindruck, alle anderen hätten den Dreh längst raus. Doch wie so oft vergleichen wir dabei unsere ersten Schritte mit den vermeintlichen Erfolgen anderer und genau das kann Druck erzeugen.

Zwischen Interesse und Überforderung liegt ein wichtiger Unterschied

Neugierig auf KI zu sein, ist etwas Positives.

Sich weiterzubilden ebenfalls.

Problematisch wird es erst, wenn aus Neugier das Gefühl entsteht, ständig mithalten zu müssen. Wenn jede neue Anwendung ausprobiert werden muss oder ein freier Abend nicht mehr nach Erholung, sondern nach einer verpassten Weiterbildungschance aussieht. Wenn Lernen nicht mehr von Interesse, sondern von Unsicherheit angetrieben wird.

Denn zwischen Interesse und Überforderung gibt es einen wichtigen Unterschied, genauso wie zwischen Lernen und ständigem Vergleichen.

Wie kann ich mich weiterentwickeln, ohne mich unter Druck zu setzen?

Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht. Aber wir haben ein paar Fragen, die dir helfen können.

Statt zu fragen: Muss ich diese neue KI-Anwendung auch kennen?

Könntest dich fragen:

Diese Fragen holen die Entscheidung zurück zu uns selbst, denn nicht jede Entwicklung ist für jede Person gleich wichtig und nicht jede Innovation muss sofort Teil des eigenen Alltags werden.

Kompetenz bedeutet mehr als Geschwindigkeit

KI-Kompetenz wird in vielen Bereichen immer wichtiger. Aber kompetent zu sein bedeutet nicht, jedes neue Tool sofort auszuprobieren oder jede Entwicklung in Echtzeit zu verfolgen.

Kompetenz bedeutet auch, bewusst entscheiden zu können:

Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung im Umgang mit KI: Nicht jede Neuerung sofort bewerten oder übernehmen zu müssen, sondern den eigenen Weg zu finden, neugierig zu bleiben und sich weiterzuentwickeln, ohne sich vom Tempo der Entwicklung unter Druck setzen zu lassen.

Denn die Geschichte der Digitalisierung zeigt: Technologien kommen und verändern unseren Alltag. Mit ihnen entstehen neue Chancen – aber auch neue Formen von digitalem Stress.

Die wichtigste Frage ist deshalb gar nicht, ob wir mit jeder Entwicklung Schritt halten, sondern ob wir lernen, auch in einer sich rasant verändernden digitalen Welt selbstbestimmt zu bleiben.

Unserer Einschätzung nach, ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten für einen gesunden Umgang mit der digitalen Welt – heute und in Zukunft.

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