Vor einigen Jahren war digitaler Stress für viele Menschen vor allem eines: zu viele E-Mails, zu viele Informationen und das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen.
Heute kommen weitere Themen dazu: Unterbrechungen, Multitasking, die Vielzahl digitaler Tools oder KI-FOMO – also die Angst, bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz den Anschluss zu verlieren.
Das bedeutet nicht, dass die alten Stressoren verschwunden sind. Informationsflut belastet nach wie vor, ständige Erreichbarkeit ebenfalls und auch Unterbrechungen gehören für viele Menschen zum digitalen Arbeitsalltag.
Von E-Mail-Flut bis KI-FOMO: Digitaler Stress ist dynamisch
Seit einigen Jahren beschäftigen wir uns mit digitalem Stress in Workshops, Beratungen und anderen Angeboten. Dabei fällt uns auf: Menschen beschreiben ihre Belastungen sehr unterschiedlich. Für einige ist die E-Mail-Flut die größte Belastung, andere können der hohen Geschwindigkeit neuer technologischer Entwicklungen kaum folgen und wieder andere beklagen die permanenten Unterbrechungen, die konzentriertes Arbeiten kaum möglich machen.
Diese Beobachtung passt zu aktuellen Zahlen und wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Eine Studie zum Digitaltag 2025 zeigt: 46 Prozent der Menschen in Deutschland haben Angst, mit der technischen Entwicklung nicht Schritt halten zu können. 37 Prozent fühlen sich von digitalen Technologien häufig überfordert.
Gleichzeitig beschreibt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Informationsflut weiterhin als relevante Belastung im Arbeitskontext. Dabei geht es nicht nur um die Menge an Informationen, sondern auch um die daraus entstehenden Aufgaben, die Qualität der Informationen und Unterbrechungen durch digitale Medien.
Eine Studie des Microsoft Work Trend Index hat 2025 herausgefunden, dass Wissensmitarbeitende mittlerweile alle zwei Minuten beim Arbeiten unterbrochen werden.
Digitaler Stress ist kein einzelnes Problem. Er besteht aus verschiedenen Stressoren, die sich mit unserem digitalen Alltag verändern.
Ganz aktuell kommt ein weiterer Stressor hinzu: technologischer Veränderungsdruck. Besonders sichtbar wird er gerade beim Thema Künstliche Intelligenz.
Viele Menschen sind neugierig auf KI. Sie sehen Chancen, möchten dazulernen und neue Möglichkeiten nutzen. Gleichzeitig entsteht schnell das Gefühl, nicht genug zu wissen oder anderen hinterherzulaufen.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie digitaler Stress sich verändert. KI-FOMO ersetzt nicht die E-Mail-Flut und Unterbrechungen verschwinden nicht, nur weil neue Technologien dazukommen.
Vielmehr entsteht eine digitale Stressoren-Landschaft: Manche Belastungen bleiben, manche rücken in den Hintergrund, andere kommen neu dazu.
Warum neue Technologien neue Belastungen mitbringen
Der Wandel digitaler Stressoren zeigt: Digitaler Stress ist eng mit unserem Alltag verbunden.
Wenn sich unser Arbeiten, Kommunizieren und Informieren verändert, verändern sich auch die Belastungen, die daraus entstehen können.
Neue Technologien bringen neue Möglichkeiten. Aber sie bringen auch neue Erwartungen, neue Vergleichsmöglichkeiten und neue Entscheidungen mit sich.
- Muss ich dieses Tool kennen?
- Sollte ich schneller antworten?
- Darf ich eine Nachricht später lesen?
- Bin ich noch auf dem aktuellen Stand?
Was E-Mail-Flut, Unterbrechungen und KI-FOMO gemeinsam haben
Hinter vielen digitalen Stressoren stehen ähnliche menschliche Bedürfnisse.
- Wir möchten gute Arbeit leisten.
- Wir möchten zuverlässig sein.
- Wir möchten dazugehören.
- Wir möchten kompetent bleiben.
- Wir möchten den Überblick behalten.
Informationsflut kann das Gefühl auslösen, etwas Wichtiges zu verpassen. Ständige Erreichbarkeit hängt oft mit dem Wunsch zusammen, verlässlich zu sein. Unterbrechungen erschweren es, konzentriert und gut zu arbeiten. KI-FOMO kann die Sorge verstärken, nicht kompetent genug zu sein oder den Anschluss zu verlieren.
Die Auslöser verändern sich.
Die Bedürfnisse dahinter bleiben erstaunlich ähnlich.
Vier Fragen, die bei jedem digitalen Stressor helfen
Wenn ein digitaler Stressor besonders präsent wird, suchen wir häufig nach einer schnellen Lösung:
- Zu viele E-Mails? Dann brauchen wir bessere E-Mail-Regeln.
- Zu viele Benachrichtigungen? Dann schalten wir sie aus.
- Zu viel KI-Druck? Dann sammeln wir Tools, Kurse und Newsletter.
Solche Strategien können hilfreich sein. Wir haben sie selbst in vielen unserer Artikel aufgeführt. Aber sie greifen oft zu kurz, wenn wir nicht verstehen, was genau uns belastet. Denn hinter demselben Stressor können ganz unterschiedliche Bedürfnisse stehen. Eine Person fühlt sich durch E-Mails gestresst, weil sie die Menge nicht bewältigt. Eine andere, weil sie Angst hat, etwas Wichtiges zu übersehen. Eine dritte, weil sie glaubt, immer sofort reagieren zu müssen.
Deshalb beginnt ein gesunder Umgang mit digitalem Stress nicht erst bei der Lösung.
Er beginnt bei der Reflexion.
Der extrazwei-Stressor-Check
- Ist es die Menge?
- Die Geschwindigkeit?
- Die ständige Unterbrechung?
- Der Vergleich mit anderen?
- Oder das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen?
Oder begegnet mir ein bekanntes Gefühl in neuer Form?
Zum Beispiel: nichts verpassen wollen, kompetent bleiben wollen oder alles richtig machen wollen.
- Geht es um Orientierung?
- Kontrolle?
- Zugehörigkeit?
- Kompetenz?
- Verlässlichkeit?
Brauche ich:
- Mehr Informationen?
- Eine klare Priorität?
- Eine Grenze?
- Eine Pause?
- Eine neue Arbeitsroutine?
- Oder die Erlaubnis, nicht alles gleichzeitig können zu müssen?
Diese Fragen lösen digitalen Stress nicht sofort, aber sie helfen, ihn besser einzuordnen. Und genau diese Einordnung ist wichtig, um passende Strategien zu entwickeln.
Gesunder Umgang beginnt nicht beim Tool, sondern beim Verstehen
Digitaler Stress wird sich weiter verändern. Wir wissen nicht, welcher Stressor in einigen Jahren besonders präsent sein wird. Vor einigen Jahren hätten vermutlich nur wenige Menschen KI-FOMO vorhergesagt.
Was wir aber wissen:
Neue Technologien werden weiterhin neue Fragen aufwerfen. Deshalb reicht es nicht, nur auf einzelne Tools oder Trends zu reagieren. Ein gesunder und selbstbestimmter Umgang mit digitalen Medien entsteht durch drei Dinge:
Reflexion: Was belastet mich gerade wirklich?
Wissen: Was steckt hinter dieser Belastung?
Strategie: Was hilft mir konkret in meinem Alltag?
So müssen wir nicht jedem neuen digitalen Stressor hinterherlaufen. Wir können lernen, ihn einzuordnen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und bewusst zu entscheiden, welche Strategie gerade passt.
Egal, ob der Stressor E-Mail-Flut, ständige Erreichbarkeit, Unterbrechungen oder KI-FOMO heißt.


